Zazi Vintage

Ethical Vintage

Refinery 29 DE X Zazi

Jeanne De Kroon

Als Kind träumte Jeanne - auch Zizi genannt - Margot de Kroon davon, ihren Hasen zu heiraten, die Präsidentin von Holland zu werden und irgendwann Mutter zu sein. Mit 18 kam dann aber wie so oft doch alles anders und sie wurde als Model entdeckt. Ihre Heldinnen waren plötzlich nicht mehr nur Vordenkerinnen, Aktivistinnen oder aufopferungsvolle Mütter. In den Medien sah sie Frauen mit hübschen Taschen und perfektem Haar. Und irgendwann drehte sich auch ihr Alltag hauptsächlich um Make-Up, Workouts und Saftkuren. 

 

So landete de Kroon an dem Ort, von dem alle Nachwuchsmodels träumen: in New York. Sie modelte für Elle und Nylon, trug Chanel bei Fotoshootings, wurde von Topshop und Zalando gebucht. Doch trotz aller großen Hoffnungen konnte das Modeln die junge Holländerin nie erfüllen. Also wandte sie der Traumwelt den Rücken zu, ging zurück in ihre Heimat und entschied sich für ein Philosophiestudium, das ihr die Möglichkeit ließ nebenbei ihrer Reiseleidenschaft nachzugehen. Weg vom Luxus, hin nach Indien, Äthiopien und Nepal.

 

Dort begegnete Zizi faszinierenden Frauen, deren Lebensumstände sie aber immer wieder ernüchterterten. Die Konfrontation mit Armut und Unterdrückung auf der einen Seite, Gastfreundschaft und Offenheit auf der anderen, begleitet von den faszinierende, traditionellen Gewändern der verschiedenen Völker, motivierten sie dann dazu ihr eigenes Vintage-Brand zu gründen. Zazi Vintage soll nun Frauen auf der ganzen Welt miteinander verbinden, sie unterstützen und keinen zusätzlichen Müll produzieren. Die erste Linie wird nun gelauncht, mit wunderschönen, aufwendig verzierten Kleidern des Kuchi-Volkes.

 

Im Interview spricht Zizi mit uns über das besondere Kozept ihres Labels, ihre Reisen, die bestärkende Kraft von Mode und ihre Haltung zum Problem der kulturellen Aneignung. 

 

Wie bist du auf die Idee zu Zazi Vintage gekommen?

 

Das ist passiert, als ich die verschiedenen Punkte in meinem Leben miteinander verknüpft habe. Mode hat schon immer eine zentrale Rolle darin gespielt, da meine Mutter Kunst- und Modejournalistin war und überall auf der Welt inspirierende Frauen getroffen hat. So habe ich schon früh realisiert, dass Mode genau wie Kunst als Plattform genutzt werden kann, die eine bestimmte Nachricht oder Idee vermittelt. Mode ist für mich mehr als Kleidung. Es geht viel mehr darum, sich selbst auszudrücken.

 

Vor drei Jahren bin ich dann nach Nepal gereist und wurde von einer Frau in Kathmandu in ein Café gezogen. Sie hat mich mit zu sich nachhause genommen und mir diese großartige 70s-Bollywood-Bluse aus Indien gegeben. Sie sagte, dass mir dieses Stück Superkräfte verleihen wird und das habe ich wirklich gefühlt. Nach meiner Zeit in Nepal bin ich vom Himalaya aus nach Indien gereist. Dabei habe ich gemerkt, dass ich an die Frauen der Gegend eine verständliche Nachricht sende, wenn ich die Bluse getragen habe. Es war so, als ob ich sagen würde: “Ich will dich kennenlernen, mich mit dir verbinden. Ich will mehr über dich und deine Kultur erfahren. Ich möchte deine Geschichten hören.” So habe ich gelernt, dass ein einfaches Stück Stoff ohne Worte kommunizieren kann. Deshalb wollte ich weiter die Welt bereisen.

 

Später habe ich dann die Netala getragen, während ich mich bei einem Projekt mit Äthiopischen Frauen ausgetauscht habe. Dann habe ein Oberteil aus matriarchalischen Gemeinschaften der Gujarat-Wüste in Indien angezogen, als ich mit ihnen in Kontakt stand. Mich in diesen Kontexten entsprechend zu kleiden, hat die kulturellen Barrieren zwischen den Frauen und mir durchbrochen. 

 

Während meiner letzten Reisen in Indien bin ich den Kleidern des Kuchi-Volks begegnet, und habe mich total in sie verliebt. Als ich dann zurück in Deutschland war, begann für mich ein neues intensives Semester an der Universität, voller Kurse über Menschenrechte und Wirtschaftsregularien. Das hat mich dazu inspiriert, ein ethisch vertretbares Brand zu gründen, von dem alle Teile der Produktions- und Verwertungskette sowie die Umwelt profitieren werden. 

 

Die ersten Kontakte für mein Brand, die ich weltweit gemacht habe, waren allesamt Frauen. Doch in vielen patriarchalischen Gesellschaften ist es immer noch schwierig als Frau, ein eigenes Geschäft zu gründen und finanziell unabhängig zu sein. Deswegen will ich Frauen aus der ganzen Welt dabei unterstützen, ihre eigenen Geschäfte auszubauen, indem ich ihnen Vintage-Kleidung aus ihrer Region abkaufe und obendrein lokale Projekte, die sich für Frauen einsetzen, unterstütze.

 

Wie vermeidest du dabei die neue Produktion von Materialien?

 

Zazi arbeitet nur mit Vintage-Stücken. Durch den engen Kontakt mit unseren Sammlerinnen erhalten wir täglich Updates darüber, wo sie die Kleidung finden. Wir wissen, wo sie einkaufen und was die Geschichte hinter jeder neuen Kollektion ist.

 

Wie findest du die Sammlerinnen und Projekte, die ihr unterstützt?

 

Die meisten finde ich über mein Netzwerk. Ich hatte das Glück in Deutschland zu studieren und konnte in den Semesterferien weltweit reisen. Dabei habe ich die ersten Sammlerinnen entdeckt. Die nächsten Kapitel sind ebenso mit Frauen aus meinem Netzwerk verbunden. Ich würde mir aber wünschen noch mehr Kontakte zu knüpfen.

 

Wie oft verreist du?

 

Nachdem ich in New York und Paris gelebt habe, ist Berlin in den letzten drei Jahren zu meiner Heimat geworden. Ich reise aber mindestens sechs Monate im Jahr während meiner Pausen von der Uni.Was war der magischste Moment, den du jemals auf Reisen erlebt hast?Magische Momente bedeuten für mich, dass ich eine neue Dimension der Realität entdecke oder eine neue Perspektive aufs Leben erfahre. Das sind Momente, die mehr sind, als das, was man vorher für möglich gehalten hat. 

 

Ich bin in einer kleinen Blase in Holland aufgewachsen, deswegen ist schon die Kombination aus Reisen selbst und das Kennenlernen anderer Kulturen magisch für mich. Einige besondere Momente waren aber zum Beispiel, als ich gedacht habe, dass ich von einem Aghori Baba verflucht wurde, nachdem wir ein Gespräch hatten bei den Beerdigungsfeuern in Varanasi, oder als ich erlebt habe, wie ein Mann im guatemaltekischen Dschungel mit Hilfe von Froschgift vom Denguefieber geheilt wurde oder als ich in den äthiopischen Bergen eine Yogastunde für mehrere Ehefrauen eines Mannes gegeben habe.

 

Was bedeutet dir Feminismus?

 

Allein die Existenz des menschlichen Körpers bedingt für mich den Feminismus. Die Zufälligkeit des Lebens bestimmt, dass du geboren wirst. Das folgende Leben definiert dann, als was du nach deinem Leben gesehen wirst. Ich wurde in einen weiblichen Körper geboren und nehme die Anforderungen und Ideale, die die Gesellschaft an diese Kreation hat, wahr. Durch mein Studium des Feminismus und des französischen Existenzialismus habe ich aber bemerkt, dass das was in meinem Körper ist, einfach eine Person ist. 

 

Doch die Gesellschaft und die Ideen, die rund um das Frausein bestehen, sind getrennt davon, was Frausein eigentlich bedeutet. Wenn es eine positive Trennung geben würde - das Wertschätzen jedes einzelnen Lebewesens - dann würde auch das Frausein entsprechend zelebriert. Das große Problem vieler Kulturen, Gesellschaften und Mentalitäten ist aber, das Frausein mit vielen Nachteilen einhergeht. Zu sehen, dass starke Frauen weltweit einfach nur, weil sie kein Glück haben oder eben einfach Frau sind, nicht das Schaffen können, was sie wünschen, hat mich dazu motiviert Zazi Vintage zu gründen.

 

Was ist der wichtigste Ratschlag, den du gern jedem Mädchen und jeder Frau geben würdest?

 

Liebe deine Unsicherheiten und lerne von ihnen! Meine Unsicherheiten haben mich schon immer beschäftigt und ich finde es spannend zu beobachten, wie Frauen weltweit ihre Eigenen überwinden. Sie haben mich auf die großartigsten Reisen geführt. Die größten Tiefpunkte waren für mich der Ursprung neuer Ideen. Das Meiste davon hat mich dazu inspiriert, mich weiterzuentwickeln. 

 

Die Lektionen, die ich von meinen Unsicherheiten gelernt habe, sind verbunden mit Rollen, die ich (un)bewusst über die Jahre gespielt habe. Als Frau, die in der modernen Gesellschaft aufgewachsen ist, habe ich die Unsicherheiten als kleine Spiegel verstanden, die die Anforderungen auf mich als Frau reflektieren. Letztendlich sind die Dinge, die uns unsicher machen im Leben, auch genau die Dinge, die uns besonders machen. Das ist doch großartig!

 

Kann Mode zur Bestärkung von Frauen beitragen?

 

Mode kann Frauen in vielerlei Hinsicht bestärken. Die Kleidung, die wir jeden Tag tragen, gibt uns die Freiheit, uns selbst mit einer starken Message auszudrücken. Wenn diese Message aufrichtig und bewusst gewählt ist, dann kann Mode ganz ohne Worte inspirieren

Wie stehst du zur Problematik der kulturellen Aneignung?

 

Man kann nicht leugnen, dass kulturelle Aneignung ein Problem in unserer Gesellschaft ist. Das liegt daran, dass das Aneignen oder der Diebstahl bei fremden Kulturen oft aus uninformierter, oft unbewusster Respektlosigkeit geschieht. Ich glaube aber daran, dass mit aufrichtigem Respekt und durch breite Aufgeklärtheit über die jeweilige Kultur, eine Wertschätzschung anstatt einer Aneignung entstehen kann. Mich verbindet eine tiefe Liebe mit all den Orten, die ich besucht habe, und ich verpflichte mich jedes Mal dazu, die Menschen und ihre Kultur so gut und ehrlich wie möglich kennenzulernen. Das erste Kapitel von Zazi Vintage dreht sich um das Kuchi Dress, ein wunderschönes, traditionelles Afghanisches Hochzeitskleid.